Ich schreibe diesen Text an einem Januarmorgen, an dem der Himmel aussieht, als hätte er sich noch nicht entschieden. Kein klares Grau, kein richtiges Blau. Dazwischen. Still. Kalt, aber nicht feindlich. Die Art von Kälte, die nichts fordert, sondern einfach da ist.
Vielleicht kennst du diese Tage. Sie fühlen sich nicht dramatisch an. Eher leer. Und genau das macht sie so schwer auszuhalten. Weil wir gelernt haben, dass Leere etwas ist, das gefüllt werden muss.
Der Januar hat diesen Ruf. Neustart. Disziplin. Ziele. Routinen. Und irgendwo zwischen den ersten Wochen des Jahres und den letzten Resten der Feiertage entsteht dieser leise Druck: Jetzt aber. Jetzt solltest du wissen, wohin du willst. Jetzt solltest du anfangen.
Ich glaube, das ist ein Missverständnis.
Was wirklich dahintersteckt
In den letzten Wochen habe ich viel beobachtet. Auf Social Media, aber auch in Gesprächen. Die Fitness-Challenges, die Selfcare-Pläne, die Morgenroutinen, die aussehen wie kleine Lebensreformen. Alles sauber, alles motivierend, alles scheinbar machbar.
Und gleichzeitig höre ich Sätze wie: „Ich bin müde, obwohl ich nichts gemacht habe.“ Oder: „Ich habe das Gefühl, ich hinke meinem eigenen Leben hinterher.“
Das Problem ist nicht fehlende Disziplin. Es ist ein falsches Timing.
Der Winter – besonders hier, jetzt, in Deutschland – ist keine Aufbruchzeit. Er ist eine Übergangszone. Draußen ist es spät hell, früh dunkel. Die Natur macht nichts sichtbar Neues. Alles Wesentliche passiert unter der Oberfläche.
Wenn wir ehrlich sind, spüren wir das. Unser Körper fährt langsamer. Unser Nervensystem sucht Ruhe. Und trotzdem versuchen wir, uns anzuschieben.
Nicht, weil wir müssen. Sondern weil wir glauben, wir sollten.
Warum Müdigkeit kein persönliches Versagen ist
Es gibt gerade viele Diskussionen darüber, wie „unproduktiv“ sich Menschen fühlen. Wie schwer es fällt, dranzubleiben. Wie schnell die Motivation wieder weg ist.
Was dabei oft fehlt, ist Kontext.
Du bist nicht müde, weil du zu wenig willst. Du bist müde, weil dein System noch im Wintermodus ist. Weil Dunkelheit, Kälte und Daueranspannung Spuren hinterlassen. Auch dann, wenn dein Kalender leer aussieht.
Müdigkeit ist kein Makel. Sie ist ein Signal. Und Signale wollen gehört werden, nicht übergangen.
Ich merke das bei mir selbst. Tage, an denen ich alles habe, was ich brauche – Zeit, Raum, Möglichkeiten – und trotzdem nichts antreiben kann. Früher hätte ich das bewertet. Heute versuche ich, es zu übersetzen.
Meistens bedeutet es: langsamer. Weniger Input. Mehr Zwischenräume.
Selfcare ohne Optimierung
Selfcare ist gerade ein großes Wort. Und oft ein lautes. Badezusätze, Tracker, Routinen, Pläne. Alles gut gemeint. Und trotzdem fühlt es sich manchmal an wie eine weitere Aufgabe.
Ich glaube, echte Selbstfürsorge ist leiser.
Sie fragt nicht: „Wie kann ich mehr aus mir herausholen?“ Sondern: „Was wäre heute genug?“
Manchmal ist das ein Spaziergang ohne Ziel. Manchmal früher schlafen. Manchmal nichts verbessern wollen.
Es geht nicht darum, dich gehen zu lassen. Sondern darum, dich nicht ständig anzutreiben.
Der sanfte Raum zwischen Jetzt und Später
Es gibt diese Phase zwischen den Jahren, die offiziell längst vorbei ist, innerlich aber noch da. Ein Raum, in dem Altes nicht mehr trägt und Neues noch keine Form hat.
Viele wollen diesen Raum schnell schließen. Mit Plänen. Mit Vorsätzen. Mit Struktur.
Aber was, wenn er bleiben darf?
Was, wenn du diesen Zwischenzustand nicht als Mangel siehst, sondern als Teil des Prozesses?
Nicht alles, was sich leer anfühlt, ist wirklich leer. Manche Dinge sortieren sich im Stillen.
Bewegung ohne Ziel, Ruhe ohne Rechtfertigung
Auch im Fitnessbereich spüre ich gerade diesen leisen Gegentrend. Weg von Höher, Schneller, Mehr. Hin zu: Wie fühlt es sich an?
Spaziergänge statt Workouts. Dehnen statt Durchziehen. Bewegung als Kontakt, nicht als Leistung.
Das ist kein Rückschritt. Es ist Regulation.
Unser Körper ist kein Projekt. Er ist ein Ort, an dem wir wohnen.
Wenn nichts entschieden werden muss
Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke für diesen Moment im Jahr: Du musst dich nicht jetzt festlegen.
Nicht auf Ziele. Nicht auf Wege. Nicht auf Versionen von dir.
Manche Entscheidungen brauchen Wärme. Und die kommt nicht auf Kommando.
Es ist okay, noch nicht zu wissen, wie dein Jahr aussehen soll. Es ist okay, noch im Nebel zu stehen.
Klarheit entsteht oft nicht durch Druck, sondern durch Raum.
Gedanke zum Schluss
Dieser Winter verlangt nichts von dir. Er hält nur still. Und lädt dich ein, es ihm gleichzutun.
Vielleicht ist das gerade genug: da sein, atmen, nichts beweisen müssen.
Was würde sich verändern, wenn du dir erlaubst, diesen Januar nicht zu nutzen, sondern zu bewohnen? Wenn du magst, komm in den Mitgliederbereich – dort teile ich Gedanken, die bleiben dürfen, ohne Eile. Den Newsletter findest du dort zum Lesen.