Zwischen Kälte und Klarheit – warum Januar kein Neustart sein muss

Ich schreibe diesen Text an einem grauen Januartag. Draußen liegt diese stille Kälte, die nicht dramatisch ist, aber konstant. Kein Schnee, kein Sonnenschein. Nur dieses gedämpfte Licht, das alles langsamer macht. Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Man ist wach, aber nicht wach. Da, aber nicht ganz da.

Und genau in dieser Stimmung passiert etwas Merkwürdiges. Während draußen alles reduziert ist, wird es drinnen laut. In Köpfen. In Feeds. In Erwartungen.

Was wirklich dahintersteckt

Der Januar gilt als Neustart-Monat. Neue Routinen, neue Ziele, neues Ich. Überall wird davon gesprochen, wie man „jetzt endlich“ alles richtig macht. Fitness, Ernährung, Mindset, Produktivität. Selbstfürsorge wird plötzlich zu einer weiteren Aufgabe auf der Liste.

Ich beobachte das jedes Jahr. Und jedes Jahr frage ich mich leise: Für wen eigentlich?

Denn der Körper ist noch im Winter. Das Nervensystem auch. Die Tage sind kurz, das Licht knapp. Biologisch gesehen ist das keine Zeit für Höchstleistung, sondern für Rückzug, Sortieren, Sparen von Energie.

Trotzdem fühlen sich viele von uns genau jetzt falsch, wenn sie langsam sind. Müde. Unentschlossen. Nicht motiviert.

Vielleicht ist das keine persönliche Schwäche. Vielleicht ist es einfach ein Missverständnis zwischen Jahreszeit und Erwartung.

Die stille Überforderung, über die kaum gesprochen wird

In Gesprächen, Kommentaren, Nachrichten spüre ich aktuell viel leise Erschöpfung. Keine große Krise, kein Zusammenbruch. Eher dieses Gefühl, ständig hinterher zu sein – ohne genau zu wissen, hinter was eigentlich.

Man soll sich kümmern. Um Gesundheit. Um Zukunft. Um mentale Stärke. Um Ordnung im Leben. Und alles am besten gleichzeitig, aber bitte entspannt.

Diese Art von Überforderung ist tückisch, weil sie so unspektakulär ist. Sie macht nicht laut krank, sondern langsam leer.

Ich glaube, viele von uns sind nicht unmotiviert. Sie sind überreizt.

Warum Ruhe gerade kein Rückschritt ist

Es gibt Zeiten, in denen Wachstum laut ist. Sichtbar. Messbar. Und es gibt Zeiten, in denen Wachstum still passiert. Unsichtbar. Innerlich.

Der Januar gehört für mich klar zur zweiten Kategorie.

Nicht, weil man nichts tun darf. Sondern weil das „Tun“ eine andere Qualität braucht. Weniger Optimierung, mehr Wahrnehmung. Weniger Druck, mehr Ehrlichkeit.

Manchmal ist Fortschritt, nicht sofort eine Antwort zu haben. Manchmal ist Selbstfürsorge, einen Tag nicht zu „nutzen“, sondern einfach zu erleben.

Das klingt simpel. Ist es aber nicht. Vor allem nicht in einer Welt, die ständig Verbesserung verlangt.

Bewegung ohne Leistungsanspruch

Auch im Fitness- und Selfcare-Bereich sehe ich aktuell zwei Extreme: Entweder radikale Disziplin oder komplette Verweigerung. Dazwischen scheint wenig Platz zu sein.

Dabei darf Bewegung im Winter anders aussehen. Sanfter. Kürzer. Unaufgeregter.

Ein Spaziergang ohne Tracking. Ein paar Dehnungen auf dem Wohnzimmerboden. Atmen, ohne es zu einer Technik zu machen.

Der Körper versteht das. Er braucht gerade keine Beweise. Er braucht Signale von Sicherheit.

Was ich mir selbst immer wieder sage

Ich erinnere mich im Januar bewusst daran, dass ich nichts nachholen muss. Nicht das letzte Jahr. Nicht verpasste Chancen. Nicht eine Version von mir, die irgendwo im Kopf existiert.

Ich darf hier sein. In diesem Tempo. Mit diesem Energielevel.

Und ich darf mir Zeit lassen, bevor ich entscheide, was als Nächstes kommt.

Diese Erlaubnis verändert erstaunlich viel. Nicht sofort. Aber spürbar.

Ein anderer Blick auf Selbstfürsorge

Selbstfürsorge ist gerade kein Spa-Moment und kein perfekt geplanter Morgen. Sie ist manchmal schlicht, ehrlich, unspektakulär.

Sie zeigt sich darin, eine Verabredung abzusagen. Eine To-do-Liste zu kürzen. Oder einen Abend ohne Input zu verbringen.

Nicht alles, was sich gut anfühlt, sieht gut aus. Und nicht alles, was nach Disziplin aussieht, ist gesund.

Diese Unterscheidung zu lernen, braucht Übung. Und Geduld.

Gedanke zum Schluss

Vielleicht ist dieser Januar kein Startschuss. Vielleicht ist er eher ein leises Innehalten, bevor sich etwas neu sortiert.

Wenn du dich gerade langsamer fühlst, weniger klar, weniger ambitioniert – vielleicht bist du nicht falsch. Vielleicht bist du einfach im Winter.

Was würde sich verändern, wenn du dir erlaubst, diesen Monat nicht zu „nutzen“, sondern zu bewohnen?

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